Der Blick, der nichts mehr sieht.

Manchmal frage ich mich, wann sie das letzte Mal den Himmel gesehen haben.
Nicht den auf ihrem Display, sondern den echten – da oben, mit Wolken, Wind und echtem Licht.

Ich gehe morgens raus. Atme. Lausche.
Ein Hund an meiner Seite, ein Weg unter meinen Füßen, ein Tag, der beginnt.
Und dann begegnen sie mir:
Mit starren Blicken, gesenktem Kopf,
das Handy festgekrallt wie ein Heiligtum,
Videos auf voller Lautstärke,
als müsste man den Lärm in sich hineindrücken, um überhaupt noch etwas zu fühlen.

Sie gehen nicht mehr mit ihrem Hund –
sie stehen mit ihm.
Auf einem Quadratmeter Wiese.
Badelatschen. Jogginghose.
Smartphone.
Abwesenheit in Reinform.

Kein Gruß. Kein Blick. Kein Hauch von Aufmerksamkeit für das Tier,
für den Morgen, für das Leben.

Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt merken,
dass sie noch atmen.

Der Himmel beginnt dort, wo wir den Blick heben.

– hendrik birke

Ich bin kein Besserwisser. Ich fluche auch.
Ich bin genervt, müde, menschlich.
Aber ich bin da.
Ich sehe meinen Hund.
Ich sehe den Baum.
Ich sehe den Himmel.

Und genau das scheint heute ein Akt des Widerstands zu sein:
Zu sehen.
Statt zu starren.

Ich wünsche mir keine Revolution.
Nur etwas Kleines.
Einen Anfang zurück zur Höflichkeit.

Ein Guten Morgen, welches nicht wie ein abgestandener Gruß wirkt,
sondern wie das, was es ist:
Ein stiller Vertrag zwischen Menschen,
dass wir diesen Tag zusammen beginnen –
nicht gegeneinander, nicht digitalisiert, nicht verlernt.

Vielleicht ist das naiv.
Vielleicht ist es altmodisch.
Vielleicht ist es genau das, was fehlt.

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