Der schöne Moment.
Ein Zwischenruf für alle, die ständig woanders sind.
Früher war alles besser.
Die 80er. Die 90er. Damals, als das Leben noch nicht „gestreamt“ wurde, sondern einfach stattfand.
Als das Wort „Handy“ noch ein Adjektiv war. Und „Story“ etwas, das man sich abends erzählte – nicht morgens um 6:37 Uhr in die Welt schickte, mit Filter, Musik und Motivationsspruch („Rise and grind“ – wirklich?).
Heute suhlen sich viele in der Vergangenheit wie in einem lauwarmen Schaumbad:
„Weißt du noch?“
„Damals war alles echter.“
„Heute ist alles nur noch Show.“
Und ja – vielleicht war früher manches tatsächlich schöner.
Aber vielleicht war es auch einfach nur langsamer, unspektakulärer, menschlicher.
Vielleicht war die Welt damals nicht besser – nur der Blick auf sie war nicht so abgestumpft von Dauerbeschallung und Displaylicht.
Was aber wirklich weh tut, ist etwas anderes:
Dass viele den Moment nur noch als Durchgangsstation betrachten.
Montag ist der neue Feind. Dienstag ist ein Kollateralschaden. Und ab Mittwoch wartet man auf Freitag wie auf einen Erlöser in Turnschuhen.
Man hangelt sich durch. Von Woche zu Woche.
Von Espresso zu Espresso.
Von Breakout-Session zu Yoga-Abo.
Man lebt, als hätte man eine Rückgabegarantie auf Zeit – und als sei echte Nähe peinlicher als ein verpasster Kalender-Eintrag.
Man trifft sich nicht mehr.
Man „connectet“.
Man hört nicht mehr zu.
Man „nimmt wahr“.
Und wenn der Moment kommt – dieser eine Moment, der uns sagen will: „Ich bin jetzt da, bitte bleib kurz bei mir“ –
dann vibriert das Smartphone.
Oder schlimmer: Man schaut nach, ob es vibriert hat.
Der schöne Moment ist kein Luxus – er ist die letzte verbliebene Wahrheit.
– Hendrik Birke
Entschuldigung, aber: Seid ihr noch da?
Oder längst in der nächsten Optimierungsschleife eures Selbst?
Der schöne Moment ist ein schüchternes Wesen.
Er mag keine Hetze.
Er trägt kein Namensschild.
Er kommt nicht mit Ankündigung – und garantiert nicht mit WLAN.
Er erscheint, wenn jemand wirklich da ist.
Mit Herz, Blick, und ohne innerliches „Ich muss gleich los“.
Und das Tragische?
Er ist überall.
Aber kaum jemand sieht ihn noch.
Wir feiern das Wochenende, als sei es ein rettender Hafen –
und merken nicht, dass wir selbst das Meer sind, das wir meiden.
Wir hassen Montage –
und vergessen, dass auch sie nur ein weiteres Stück Leben sind, das uns angeboten wird.
Ein Geschenk, das wir oft wie Werbepost ungeöffnet entsorgen.
Vielleicht ist es an der Zeit, dem Moment wieder eine Chance zu geben.
Ohne Filter. Ohne Taktung. Ohne Erwartung.
Einfach mal stehenbleiben.
Wirklich stehenbleiben.
Nicht fürs Selfie. Sondern fürs Sein.
Denn das Jetzt ist keine App.
Es ist ein Wunder mit Ablaufdatum.