Ich wäre gern dümmer. Aber mein Gewissen lässt es nicht zu.

Ein Text für alle, die sich manchmal wünschen, sie könnten weniger erkennen – und endlich Ruhe hätten.

Es muss schön sein,
nicht so viel zu verstehen.
Nicht zu spüren, was zwischen den Zeilen liegt.
Nicht zu merken, wenn jemand lügt –
weil man zu sehr mit dem eigenen Instagram-Filter beschäftigt ist.

Ich beneide diese Menschen.
Wirklich.
Sie wachen auf, denken an ihren Kaffee,
und nicht an den Zustand der Menschheit.
Sie hören Nachrichten
und schalten innerlich sofort auf Wetter.
Sie führen Gespräche –
nicht, um zu verstehen,
sondern um zu warten, bis sie wieder selbst reden dürfen.

Freiheit durch Ahnungslosigkeit.
Ein Konzept mit Zukunft.

Ich wäre gern dümmer.
Aber dann müsste ich mich selbst ertragen. *
– Hendrik Birke

Ich dagegen?
Ich denke.
Ich sehe.
Ich fühle zu viel.
Und das auch noch gleichzeitig.

Ich gehe in einen Raum und spüre,
wer lügt, wer spielt, wer schweigt,
weil er schon längst innerlich gekündigt hat.
Ich höre Sätze wie:
„War doch nur Spaß“
und weiß, dass es keiner war.

Ich höre:
„Wir sind offen für Neues“
und merke, dass „neu“ bedeutet:
„Bitte nur nichts, was unser Selbstbild erschüttert.“

Und manchmal,
wenn ich nachts wachliege,
stelle ich mir vor, wie es wäre:
etwas weniger wach zu sein.
Einfach mitzulaufen.
Lächeln, nicken, liefern.
Gehaltsabrechnung, Netflix, Wochenende.

Aber mein Gewissen lässt das nicht zu.
Es sagt:
„Du kannst nicht weniger denken.
Du kannst dich nur entscheiden,
ob du es weiter mit Würde tust –
oder zynisch wirst.“

Und weißt du was?
Ich schwanke täglich.


* Randnotiz zu „Ich wäre gern dümmer. Aber dann müsste ich mich selbst ertragen.“

Klingt hart? Ist es.
Denn dümmer zu sein würde bedeuten, sich all das nicht mehr zu fragen.
Nicht mehr zu reflektieren. Nicht mehr zu zweifeln.

Aber für einen wie mich – der denkt, fühlt, sieht –
wäre genau das das Schlimmste:
Sich selbst zu spüren – und zu merken, dass da nichts mehr lebt.

Also ja:
Ich wäre gern dümmer.
Aber nicht auf Kosten meiner Tiefe.

Denn dann müsste ich mit jemandem leben,
den ich nicht mehr respektieren könnte:
Mit einer Version von mir,
die alles einfacher findet –
aber nichts mehr wahr.

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